„Damit Talente nicht übersehen werden“: Wie Auslandserfahrungen über TUMexchange die Zukunft gestalten

Nick studiert Molekulare Biotechnologie im Bachelor. Er hat Spinale Muskelatropie und wird im Wintersemester 2026/27 über das Austauschprogramm TUMexchange in Singapur studieren. Was ihn motiviert hat, diesen Schritt trotz seiner Einschränkung zu gehen, wie er unterstützt wird und warum seine Wahl ausgerechnet auf die NUS fiel, erzählt er im Interview.
Nick, herzlichen Glückwunsch – du wirst jetzt ein Semester in Singapur studieren. Warum ist dir ein Auslandsaufenthalt so wichtig?
Wie wahrscheinlich alle, möchte ich auf jeden Fall meine Englischkenntnisse verbessern. Wenn man später in der Forschung arbeiten möchte, ist Englisch die wichtigste Grundlage für den internationalen Austausch. Außerdem hoffe ich, während meines Auslandsaufenthalts internationale Kontakte zu knüpfen, die für meine spätere wissenschaftliche Arbeit wertvoll sein können.
Darüber hinaus freue ich mich darauf, selbstständiger zu werden. Zum ersten Mal über einen längeren Zeitraum ohne meine Eltern zu leben, ist für mich ein großer Schritt. Ich bin gespannt auf diese Erfahrung und darauf, wie sie mich persönlich weiterbringen wird.
Besonders wichtig ist mir aber die wissenschaftliche Seite. Schon seit Längerem beschäftigt mich die Frage, wie man meine Krankheit besser behandeln oder irgendwann sogar heilen könnte. Deshalb habe ich mich auch für Molekulare Biotechnologie als Studienfach entschieden. Mein Traum ist es, eines Tages selbst zur Erforschung von Therapien beizutragen. Die Erfahrungen in Singapur sollen dafür die Grundlage schaffen.
Wow, das ist natürlich eine ganz besondere Motivation. Bei einem so großen Schritt bleiben Zweifel dennoch oft nicht aus. Gab es Phasen, in denen du nicht sicher warst, ob du das Auslandssemester tatsächlich durchziehen möchtest?
Ja, Zweifel gab es durchaus. Meine Mutter hat jedoch von Beginn an an das Vorhaben geglaubt und mich bedingungslos unterstützt. Das hat mir viel Sicherheit gegeben.
Ein paar Unsicherheiten bleiben. Besonders die Assistenzsituation vor Ort wird sich erst zeigen, wenn ich in Singapur bin und sich alles eingespielt hat. Auch wegen der Sprache bin ich etwas aufgeregt. Aber letztlich bin ich überzeugt, dass sich diese Herausforderungen lösen lassen.
Ein Auslandssemester ist in der Regel nicht ganz günstig und deine gesundheitliche Situation sorgt für zusätzliche Kosten. Wie finanzierst du den Aufenthalt in Singapur?
Zuallererst habe ich selbst Geld gespart, weil mir früh klar war, dass ich nach Singapur möchte und das kein günstiger Studienort ist. Außerdem unterstützen mich meine Eltern. Ich hatte außerdem das Glück, für ein Erasmus+-Stipendium ausgewählt zu werden, das Aufenthalte bei bestimmten Partnern fördert. Dass die NUS zu den förderfähigen Partneruniversitäten gehört, ist für mich eine große Unterstützung.
Mit Unterstützung von Frau Gesang aus dem TUM Global & Alumni Office konnte ich zudem einen sogenannten Realkostenantrag bei der NA DAAD stellen, der bereits bewilligt wurde. Dafür bin ich sehr dankbar. Diese Förderung hilft mir dabei, die zusätzlichen Kosten zu decken, die durch meine Behinderung entstehen, und macht den Auslandsaufenthalt in dieser Form möglich.
Bei einem Auslandsaufenthalt gibt es einiges zu organisieren. Welche Themen haben dich in der Vorbereitung besonders beschäftigt?

Am meisten beschäftigt haben mich die Themen medizinische Versorgung, Wohnen und Mobilität vor Ort. Mir war wichtig, möglichst viele Fragen schon vor der Abreise zu klären, damit ich mich in Singapur ganz auf das Studium konzentrieren kann. Um organisatorische Fragen zu klären, habe ich im März gemeinsam mit meinen Eltern eine Vorbereitungsreise nach Singapur unternommen. Wir haben die zuständigen Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der NUS getroffen, das vorgesehene Wohnheim besichtigt, den öffentlichen Nahverkehr getestet und zahlreiche Details besprochen.
Ein wichtiger Teil der Vorbereitung war außerdem die medizinische Versorgung vor Ort. Mir war wichtig zu wissen, dass ich in Singapur gut betreut werden kann. In diesem Zusammenhang habe ich eine Professorin am Universitätsklinikum der NUS kennengelernt, die im Notfall als Ansprechperson zur Verfügung steht. Dass sich das Krankenhaus direkt auf dem Campus befindet, gibt mir zusätzliche Sicherheit. Außerdem haben wir uns angeschaut, welche Hilfsmittel ich während meines Aufenthalts benötige. So wird beispielsweise ein medizinisches Bett für mein Zimmer bereitgestellt. Zusätzlich haben wir wichtige Ersatzteile für meinen Rollstuhl zusammengestellt, damit ich auch im Fall einer Reparatur gut vorbereitet bin.
Warum sollte es ausgerechnet Singapur sein?
Ich habe die Herausforderung dieser Destination als Chance wahrgenommen. Singapur ist weit weg, und ein Auslandsaufenthalt dort bringt natürlich einiges an Organisation mit sich. Gleichzeitig glaube ich, dass mir die Zeit dort die Möglichkeit gibt, eigenständiger zu leben und bewusst aus meiner Komfortzone herauszugehen. Dass meine Wahl auf Singapur fiel, hat aber auch mit der Stadt selbst zu tun. Ich war schon einmal nach dem Abitur meines Bruders mit meiner Familie dort und die Stadt hat mich sofort begeistert. Mich fasziniert die Verbindung aus futuristischer Architektur und den vielen Grünflächen.
Außerdem habe ich den Eindruck, dass die Menschen dort sehr zielstrebig und effizient sind. Sie verfolgen ihre Ziele selbstbewusst und setzen sie konsequent um. Davon möchte ich etwas lernen und für meinen eigenen Weg mitnehmen.
Warum war die NUS deine erste Wahl?
Die NUS war für mich aus mehreren Gründen die erste Wahl. Zum einen gibt es dort hervorragende Forschung im Bereich Biosciences. Langfristig kann ich mir gut vorstellen, nach meinem Abschluss an die NUS zurückzukehren, um dort an den Heilungsmöglichkeiten meiner eigenen Krankheit zu forschen.
Zum anderen bieten sowohl die Universität als auch Singapur insgesamt sehr gute Voraussetzungen für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer. Der Campus ist gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden, viele Bereiche sind barrierefrei und ich habe das Gefühl, dort einen möglichst selbstständigen Alltag führen zu können.

Besonders beeindruckt hat mich auch die Offenheit der NUS. Auf meine Anfrage wurde von Anfang an sehr positiv reagiert, und ich habe mich sofort unterstützt gefühlt. Für die Arbeit im Labor würde mir sogar eine Person zur Seite gestellt, die mit mir zusammenarbeitet und die ich selbst anleiten kann. Das ist eine außergewöhnliche Möglichkeit, über die ich mich sehr freue.
Du hast schon mehrfach die Unterstützung durch die TUM und die NUS angesprochen. Was hat dich dabei besonders beeindruckt?
Die Unterstützung war für mich unglaublich wichtig. Sowohl das TUM Global & Alumni Office als auch die Kolleginnen und Kollegen an der NUS haben von Anfang an großes Engagement gezeigt. Besonders beeindruckt hat mich, mit wie viel Offenheit und Lösungsorientierung alle Beteiligten an die Aufgabe herangegangen sind. Gemeinsam wurde geschaut, welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit der Aufenthalt gelingen kann. Die Beteiligten auf beiden Seiten haben viel Zeit investiert und für Herausforderungen Lösungen gefunden. Gerade weil es für viele Fragestellungen keine Standardlösung gab, war diese Unterstützung für mich besonders wertvoll.
Mein besonderer Dank gilt Frau Pascale und Frau Gesang vom TUM Global & Alumni Office, Kew Jun Wei vom NUS Global Relations Office sowie Teo Zhi Xiong und dem gesamten Team der NUS Student Accessibility Unit. Mit ihrem Engagement haben sie gezeigt, dass internationale Mobilität und Inklusion kein Widerspruch sind.
Die Unterstützung durch TUM und NUS zeigt, was möglich wird, wenn Hochschulen und ihre Mitarbeitenden mit Offenheit, Engagement und dem Willen zu individuellen Lösungen zusammenarbeiten. Warum ist Inklusion auch bei Auslandsprogrammen wichtig?
Damit Talente nicht übersehen werden. Ein Auslandssemester eröffnet viele Möglichkeiten, sei es für die persönliche Entwicklung, die wissenschaftliche Laufbahn oder den späteren Berufseinstieg. Diese Chancen sollten allen Studierenden offenstehen, unabhängig davon, ob sie eine körperliche Behinderung haben oder nicht.
Vielen Dank für das Gespräch, Nick. Wir wünschen dir eine spannende und erfolgreiche Zeit in Singapur!
Fortsetzung folgt: Wie Nick seinen Alltag und sein Studium an der NUS erlebt, wird er nach seiner Rückkehr aus Singapur mit uns teilen.
Auslandsaufenthalte – mehr als nur ein Ortswechsel
Nicks Geschichte zeigt, dass ein Auslandssemester weit mehr ist als ein Studienaufenthalt an einer anderen Universität. Internationale Erfahrungen stärken Selbstständigkeit, interkulturelle Kompetenz und die Fähigkeit, in globalen Teams zu arbeiten. Sie schaffen neue Perspektiven, internationale Netzwerke und eröffnen Chancen für die persönliche und wissenschaftliche Entwicklung.
Damit solche Erfahrungen nicht von individuellen Voraussetzungen abhängen, engagiert sich die TUM gemeinsam mit ihren Partneruniversitäten für mehr Chancengerechtigkeit und den Abbau von Barrieren in internationalen Mobilitätsprogrammen.
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Ab dem 22. Oktober 2026 können Sie sich wieder für Auslandsaufenthalte über TUMexchange bewerben. Das Programm ermöglicht Studienaufenthalte von einem oder zwei Semestern an renommierten Partneruniversitäten weltweit. An den meisten TUMexchange-Partneruniversitäten fallen keine zusätzlichen Studiengebühren an.
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